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25.09.2020 | Deutscher Reha-Tag 2020: Rehabilitation psychischer Erkrankungen

Angst- und was man dagegen tun kann Am 26. September 2020 ist Deutscher Reha-Tag. In diesem Jahr steht der Tag ganz unter dem Zeichen von psychischen Erkrankungen. Angststörungen sind hier das häufigste Krankheitsbild. Aus diesem Anlass und vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie beantwortet Dr. Heike Schulze, Chefärztin der Abteilung Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie an der Park Klinik Bad Hermannsborn, Fragen zum Thema Angst.

Dr. Heike Schulze, Chefärztin der Abteilung Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie in der Park Klinik Bad Hermannsborn

Wie machen sich Ängste bemerkbar?

„Die Symptome reichen von ständiges Grübeln und Sorgenschleifen bis hin zu Sinnlosigkeitsgedanken und depressiven Verstimmungen. Das kann dann auch zu körperlichen Symptomen wie Atem-, Herzrhytmus- und Schlafstörungen sowie zu Panikstörungen führen. Nicht umsonst heißt es auch „es geht uns zu Herzen“,  „es schnürt mir den Hals zu“ oder „es raubt mir den Atem“. Die Entwicklung von Symptomen hängt dabei sehr stark von der individuellen psychischen Stärke und Stabilität, der sogenannten „Resilienz“ ab. Sie ist in großen Teilen genetisch angelegt und kann auch durch individuelle Ressourcen gestärkt werden.“

Kann man etwas gegen Ängste tun?

„Ja, zum Beispiel Kohärenz, sprich einen Sinnzusammenhang schaffen.  Das erreicht man am besten indem man versucht, eine Situation zu akzeptieren, dann das Ereignis zu verstehen und darin auch einen Sinn erarbeiten zu können– ganz nach dem Motto: „In jeder Krise steckt eine Chance“. Wer Humor hat, Flexibilität mitbringt oder aber auch über Eigenschaften wie Ausdauer, Durchsetzungsvermögen, Optimismus verfügt und die Fähigkeit hat sich zu distanzieren, ist oft weniger anfällig, Ängste zu entwickeln.

Hilfreich kann auch sein, bewusst zu entschleunigen, mehr soziale Kontakte zu suchen oder sich kreativ zu beschäftigen. Generell formuliert: weg von einer Defizitbewertung hin zu einer Ressourcensicht.“

Was kann jeder von uns – auch vorbeugend – für sich tun?

„Wie Prof. Dr. Tanja Michael von der Universität des Saarlandes sagt: „Calm your mind. Log moments of joy. Make other people happy.” (Beruhige Deinen Geist. Verinnerliche Momente der Freude. Mache andere glücklich). Das erreicht man am besten, indem man eine Selbstfürsorge für seinen Körper und seine Seele entwickelt. Dazu gehört sich sportlich zu bewegen, sich kreativ zu beschäftigen – wie z. B. Musik machen, Musik hören und lesen – sowie Entspannungsverfahren bis hin zu Meditationstechniken anzuwenden.

In der Park Klinik haben wir dazu auch ein Konzept entwickelt, das den Menschen darin unterstützt, seine Sinne zu schärfen und Achtsamkeit mit der Natur und seiner Umgebung zu erlernen. Wesentliche Elemente sind die Gartenpflege, Waldbaden, Singen und Fotografieren. Sie stärken Geist und Körper und können sehr heilsam sein.“

Was kann man für andere tun, wenn man Ängste bemerkt?

„Vor allem Zuhören, Hilfe anbieten, sich aber nicht aufdrängen. Fragen Sie: Wie kann ich Dir helfen? Hilfreich sind im ersten Schritt auch Atem- oder sonstige Entspannungsübungen. In einem zweiten Schritt kann eine professionelle Hilfe wie wir sie in der Park Klinik anbieten sinnvoll sein.  In unserer Angstbewältigungsgruppe beispielweise erfahren die Teilnehmer mehr über den sogenannten Angst-Teufelskreis, wie man sich Ängsten stellt und welche Angstbewältigungsstrategien es gibt.  Im Kern geht es darum, ein Verständnis zu entwickeln und im gemeinsamen Gespräch nach Lösungen zu suchen. “

Wer kann helfen?

„Jeder kann helfen – der Partner, die Familie, enge Bezugspersonen, der Freundeskreis, Arbeits- oder Vereinskollegen, sogar die „Social Community“. Bei psychischen Vorerkrankungen bzw. zu diagnostizierenden psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen sollte jedoch unbedingt professionelle Hilfe gesucht werden, Dazu zählen der Hausarzt, Fachärzte, Institutsambulanzen, ambulante und stationäre Psychologen, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich bei einer entsprechenden Diagnose nicht um eine körperliche, sondern um eine seelische Krankheit handelt und bei dem Betroffenen die Symptome keineswegs „eingebildet“ sind.“

Gibt es auch berufsgruppenspezifische Ängste?

„Das wäre eine spannende Untersuchung wert … Entscheidend dürfte auch hier die individuelle Resilienz sein.“

Wie entstehen Ängste in einer Krise wie Corona?

„In einem Fall wie der Corona-Pandemie entstehen Ängste durch die allgemeine Unwissenheit über das Virus an sich und die Unsicherheit über den Verlauf und seine Auswirkungen. Das löst im Menschen ein Gefühl von Kontrollverlust und Hilflosigkeit aus, oft verbunden mit dem Gefühl einer möglichen Lebensbedrohung wie es auch bei klassischen Angsterkrankten, bei Anpassungsstörungen oder Depressionen der Fall ist.

Hinzu kommen jetzt auch Ängste vor dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Manche Menschen fühlen sich dadurch eingeengt, ihrer Freiheit beraubt, und bekommen davon Atemstörungen.“

Welche Rolle spielen dabei die Medien mit ihrer Berichterstattung?

„Dies wäre sicher kontrovers zu diskutieren und quellenabhängig. Einerseits erfüllen Medien als Lieferant von objektiven, faktischen und verlässlichen wissenschaftlichen Quellen wie dem RKI oder den WHO-Statements etc. eine hilfreiche Informationspflicht. Auch die globalen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie mit den Hilfsmaßnahmen der Politik sind wichtig, um kommuniziert zu werden. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit und Wirksamkeit des Staates bietet eine wichtige „äußere Ressource“, einen sicheren äußeren Rahmen, so dass wir die inneren Ressourcen entsprechend ausbauen können.

Andererseits kann die Medienberichterstattung schädlich sein. Als Stichwort sei hier „Dauerberieselung“ genannt – auch von unterschiedlichen politischen Maßnahmen. Das führt zu einer noch größeren Verunsicherung.  Berichte wie über die steigenden Todeszahlen sind hingegen im Prinzip richtig für die Sensibilisierung der Menschen, es hier mit einer lebensbedrohlichen Gefahr zu tun zu haben. Die oftmals emotionale und reißerische  Darstellungsart allerdings schürt Ängste bzw. verstärkt die Hilflosigkeit.

Als hilfreich haben sich die Sozialen Medien gezeigt bzw. was die Gemeinschaft fördert wie das Balkonsingen in Italien, das das soziale Miteinander zur Überwindung des „social distancing“ in den Vordergrund stellt.“

Gibt es Schutzmechanismen in diesem Zusammenhang?

„Mein Tipp: Sich maximal zwei Mal am Tag über die aktuelle Lage informieren – und das aus  verlässlichen Quellen. Ein gesunder Menschenverstand und ein SPAM-Ordner für „Scharlatane, Kriminelle, Volksverführer“ helfen, sich nicht verunsichern zu lassen.“

 

Psychosomatische Erkrankungen

„In Deutschland sind jedes Jahr etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen Das entspricht rund 17,8 Millionen betroffenen Personen, von denen pro Jahr nur 18,9 % Kontakt zu Leistungsanbietern aufnehmen. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 %), gefolgt von affektiven Störungen (9,8 %, unipolare Depression allein 8,2 %) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 %).

Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und muskuloskelettalen Erkrankungen zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben zudem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um 10 Jahre verringerte Lebenserwartung.“ (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde dgppn, Zahlen und Fakten der Psychiatrie und Psychotherapie Stand: Juli 2019)

 

Zur Park Klinik Bad Hermannsborn

Die Park Klinik in Bad Hermannsborn bietet mit ihrem Fachbereich Psychosomatik über 100 Betten für Krankheitsbilder aus den Bereichen Allgemeine Psychosomatik und orthopädisch-internistische Psychosomatik an. Im Vordergrund stehen in der Park Klinik Depressionen und Angsterkrankungen, Arbeitsplatzkonflikte wie "Mobbing" und präventive Psychosomatik der Arbeitswelt.

Seit 2017 ist  Dr. Heike Schulze Chefärztin der Abteilung Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie, die sie seit 2019 successive ausbaut und erweitert.